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einführung von timm starl zu

SIOSEH 12/SIOSEHBOX
sissi farassat und sabine ott

gehalten am 28.06.2001
sehr geehrte damen und herren,
liebe freunde,

der anlaß meiner einführenden worte ist die präsentation der nummer 12 einer in jeder hinsicht anderen zeitschrift. manche kennen diese publikation noch nicht, also will ich ein paar worte zu ihrer geschichte und gegenwart sagen. diese wäre aber unvollständig, würde man die person unerwähnt lassen, die für die konzeption, herausgeberschaft und redaktion verantwortlich ist und zugleich als verlegerin fungiert. und damit ich es nicht vergesse, müssen auch jene genannt werden, die seit anbeginn das projekt begleiten und in jeder hinsicht mithelfen: nämlich valentin hitz und pablo farassat, denen die herausgeberin besonderen dank schuldet.

daß ich diesen hinweis an den anfang stelle und nicht an den schluß, soll dokumentieren, wie wichtig deren mitwirkung für die herausgeberin ist. man könnte nun meinen, dies bilde eine kuriose einleitung, weil es gewöhnlich einem melancholischen standpunkt entspringt, die dinge von ihrem ende her zu sehen. in gewisser weise trifft das durchaus zu, in anderer weise wieder nicht - und darüber will ich sie im folgenden aufklären.

zunächst einmal unterscheidet sich die zeitschrift, von der die rede ist, in einer hinsicht nicht von anderen fotojournalen in österreich, die sich gerne mit titeln schmücken, die kaum einer versteht. kairos hieß eine publikation der 80er jahre, eikon nennt sich eine zeitschrift zur foto- und medienkunst, die seit 1991 erscheint. abgesehen von der bedeutung assoziieren die aus dem griechischen entliehenen namen etwas wie geistige tradition, auch mythologie, vor allem aber zielen sie auf ein publikum mit gutbürgerlicher bildung. sioseh - so der titel des produktes, um das es heute geht - weist zwar ebenfalls in weite ferne und hat prophetische züge, doch zugleich liegt darin - neben dem geheimnisvollen - ein ganz nüchterner aspekt. denn sioseh ist persisch, bedeutet 33 - und damit wird angekündigt, daß es 33 nummern der zeitschrift geben wird, also bei vier nummern im jahr die letzte ausgabe 2007 erscheinen müßte, nachdem das erste heft 1998 vorgelegen hat. doch auch dieser zielsetzung liegt etwas utopisches zugrunde, wie wir seit der letzten ausgabe wissen, zumal diese als nummer 10/11 aufgetreten ist, was also heißt, daß alles schon vor 2007 sein ende haben kann, wenn noch weitere doppel- oder mehrfachnummern erscheinen.

und insofern hat sioseh nichts gemein mit anderen periodika ihrer art, deren lebensdauer in österreich gewöhnlich davon abhängt, ob genügend subventionen von öffentlicher hand bereitstehen. denn sissi farassat, die herausgeberin, - und das bewundere ich sehr in einem land, in dem jedes räuspern, das nach kultur klingt, mit öffentlichen mitteln unterstützt und verlängert wird -, sissi farassat also finanziert ihre zeitschrift überwiegend selbst, nämlich aus den erträgen der auftragsarbeiten, die sie als fotografin übernimmt. sioseh ist - könnte man sagen - das gegenteil einer publikumszeitschrift oder - in der definition von sissi farassat - ein "miniatur magazin" oder - verkürzt und in meinen worten - eine miniatur, somit etwas, das ebenso klein wie kostbar ist. das heißt zum einen, daß jedes exemplar 150 schillinge kostet, was in keiner relation zum format von 10,6 x 7,4 cm und dem umfang von durchschnittlich 40 seiten steht, aber durchaus moderat klingt, wenn man die auflage von nur 200 stück bedenkt.

man erwirbt folglich mit sioseh weniger ein periodikum als ein wertvolles einzelstück, weniger eine publikation als ein kunstobjekt. diese kategorisierung mag zunächst ein wenig vermessen erscheinen, aber erstens sollte man wissen, daß es im persischen kein wort für kunst gibt, sondern immer auch der gebrauch mit eingeschlossen ist. was letzten endes dem begriff der kunst näher kommt, der sich ja erst über den gebrauch des werkes ergibt. und zweitens stellt jede ausgabe eine komposition dar, mit der vier themen immer wieder neu variiert werden. das sind: mode, reise, schwarzweiß-aufnahmen und porträts. dies läßt an ein stringentes konzept denken, aber sissi farassat ist zwar eine herausgeberin, die die mathematik und deren präzision schätzt und gerne grenzen definiert, aber genauso ist sie eine künstlerin, die sie immer wieder überschreitet. schon das themenspektrum weist einen bruch auf, denn sw-fotografie ist kein thema, sondern ein mittel. und gelegentlich erscheint ein heft, in dem sich die modestrecke als mordgeschichte entpuppt oder die reise entlang der absperrgitter erfolgt, die monatelang um das parlament in wien aufgebaut waren.

zudem verletzt sissi farassat die grenzen des publizistischen genres, denn sioseh ist ebenso keine zeitschrift, zumal texte nur spärlich enthalten sind, auch keine illustrierte, die sich doch da und dort aus dem aktuellen geschehen speisen muß; sioseh ist ebenso kein lifestyle-magazin, weil es sich nicht dem herrschenden zeitgeist unterwirft, ohne unzeitgemäß zu sein, aber auch kein fotofachjournal, weil es zwar mit fotografie operiert, aber über das medium nur mit seinen bildern reflektiert. sioseh ist - um es positiv auszudrücken - von allem ein wenig, in erster linie aber etwas anderes: z.b. eine galerie, in der die künstlerin die werke anderer und eigene arbeiten präsentiert. sioseh ist außerdem ein "langzeitprojekt", dessen laufzeit trotz gegenteiligem anschein nicht abzusehen ist. denn sissi farassat hat angst, daß es bei der nummer 17 zu einer krise kommen könnte, wie sie vor kurzem geäußert hat.

zwar mache ich mir keine sorgen, daß dieser fall eintreten wird, aber eine solche vakanz schlägt sich auf besondere weise in der sioseh-box nieder, die von sabine ott entworfen worden ist und heute erstmals präsentiert wird. in ihr finden alle 33 nummern platz, aber auch weniger, denn sie ist mit einer feder bestückt, so daß jede menge - wieviel das auch immer sein mag - darin aufbewahrt werden kann. diese box ermöglicht u.a. das aufstellen zwischen büchern, also wiederum das betreten eines neuen terrains, was ja immer auch das durchbrechen gegebener grenzen bedeutet. andererseits werden auch andere periodika jahrgangsweise gebunden und ihnen damit das äußere eines buches verpaßt. damit gibt aber das einzelne heft seine charakteristische eigenschaft als selbständige erscheinung auf, wogegen die sioseh-box beiden funktionen gleichermaßen raum gibt. 200 stück - entsprechend der auflage von sioseh - wurden in handarbeit angefertigt, was einem höchst optimistischen geist entspringt - wie das ganze projekt überhaupt -, und so kostet eine box 500 schilling.

nun habe ich über alles mögliche gesprochen, nicht aber die neueste kreation, die nr. 12 von sioseh, im einzelnen vorgestellt. doch damit befinde ich mich in der guten gesellschaft der herausgeberin, die zwar jedes heft einzeln in einer veranstaltung präsentiert, aber zu dem jeweiligen inhalt nichts sagt. ich möchte lediglich die künstler, die mit fotoarbeiten darin vertreten und von denen manche heute anwesend sind, aufzählen: d.s. martin eiter, edgar knaack, irene naef, günther selichar und natürlich sissi farassat.

und um die liste der mitwirkenden zu vervollständigen, danke ich - auch im namen der herausgeberin - dem vater von sissi farassat für die 200 weinblätter, die er fabriziert hat und die lauwarm - also möglichst bald - gegessen werden sollen; ferner sabine ott, daß sie uns mit noch weiteren vier objekten ihrer kunst bekannt macht; und nicht zuletzt der galeristin helen knopp-rupertsberger, die uns die gelegenheit gegeben hat, an einer mehrfachen premiere teilzuhaben und gemeinsam das erscheinen von sioseh zu feiern. was hiermit geschehen soll!

copyright beim autor

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